Samos YoungArtists Festival

Hotel
Marina Lučica

20. Juli —10. Oktober 2015

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Nach drei erfolgreichen Ausstellungen von Harun Farocki 2012, dem Künstlerkollektiv Slavs and Tatars 2013 und Nevin Aladag im letzten Jahr, präsentiert der Art Space Pythagorion in diesem Sommer eine Einzelausstellung der Künstlerin Aleksandra Domanović mit dem Titel „Hotel Marina Lučica“.

Die Ausstellung ist vom 20. Juli bis zum 10. Oktober 2015 geöffnet. 

Die offizielle Eröffnung findet am 4. August 2015 im Beisein der Künstlerin statt.

Persönliche und öffentliche Geschichte(n) sind im Werk Aleksandra Domanovićs (geb. 1981, Novi Sad) oft miteinander verschmolzen. Indem sie die Idee einer unflexiblen, konkreten historischen Zeitachse hinterfragt, wird die Künstlerin selbst zur Antriebskraft und zum Vehikel für die historische Untersuchung, die ihr Verfahren anleitet. Ihre Arbeiten in den Medien Skulptur, Video, Fotografie und Installation befassen sich mit der oftmals unerwähnten oder unverwirklichten Politik, die die zeitgenössische Gesellschaft formt.

Die Ausstellung „Hotel Marina Lučica“ im Art Space Pythagorion auf Samos, versammelt Kunstwerke der vergangenen fünf Jahre, darunter eine Reihe neuer Auftragsarbeiten, die die Ursachen und Folgen der Auflösung des ehemaligen Jugoslawiens thematisieren – wo Domanović geboren wurde und aufwuchs. Die Ausstellung verdankt ihren Namen einer ehemaligen Ferienanlage an der kroatischen Küste. Domanović gedenkt dem „Hotel Marina Lučica“, in welchem sie kurz vor Ausbruch des Bürgerkriegs einen Sommer mit ihrer Familie verbrachte, und stellt es in einen neuen Kontext. 1992, weniger als zwei Jahre nach ihrem Aufenthalt, war das Hotel zu einem Rekrutierungszentrum für kroatische Soldaten umfunktioniert worden und diente später als eine Unterkunft für Flüchtlinge während der Jugoslawienkriege. Seit den späten 90ern steht das Gebäude leer und wurde mit Graffiti besprüht.

Gleich im Eingangsbereich der Kunsthalle befindet sich eine Reihe von digital erstellten Porträts von Josip Broz Tito – dem ehemaligen Autokraten Jugoslawiens. Bildnisse Titos hingen in den meisten öffentlichen Gebäuden – Regierungsbehörden, Schulen und auch in Hotels. In dem Portrait (Bump Map) von 2011, dem Portrait (Kilim) von 2012 und dem Portrait (Messing) von 2012, ist die maskuline Personifikation der Staatenbildung, und der wachsame Hüter seiner Bürger, ‚feminisiert’ worden. Die Künstlerin hat die Gesichtszüge Titos weichgezeichnet und sie mit ihren eigenen Kindheitserinnerungen an eine Schullehrerin kombiniert. Ein Porträt von Tito hing wahrscheinlich auch über dem Rezeptionsschalter des Hotels Marina Lučica.

Aleksandra Domanović versieht die 2012 eröffnete Kunsthalle - die ebenfalls ein umgebautes Strandhotel aus den 70er Jahren ist - von Außen mit dem Schriftzug des Hotels „Marina Lučica“ und legt die beiden Orte somit thematisch zusammen. Dadurch entsteht eine Umgebung, in der Stätten für Kunstausstellungen und Stätten des Gastgewerbes ineinander verschwimmen. Hotels und Museen vereint das gemeinsame Versprechen, ihren Besuchern neue, mitunter tiefgründige Erfahrungen zu vermitteln. Als kulturelle Botschafter agierend, profitieren die zwei Instanzen zunehmend vom Tandem viel reisender Künstler und den Besuchern ihrer internationalen Ausstellungen. Domanovićs Ausstellung verleiht diesem vermeintlichen Gewinn aber einen anderen Rahmen, und zeigt ihn als einen von ökonomischer Ungleichheit und sozio-politischen Konflikten getrübten Vorteil. Dabei verwendet die Künstlerin das Hotel als eine Metapher für die provisorische, selektive und häufig revisionistische Geschichte des ehemaligen Jugoslawiens.

„Hotel Marina Lučica“ nimmt Bezug auf das andauernde Dilemma der nationalen und persönlichen Identitätsstiftung durch Formen der Kultur und untersucht, wie diese Kulturformen geteilt werden. Neben Domanovićs umgedachten Tito-Porträts sind in der Ausstellung drei Videos zu sehen, die den Fokus auf die vielfältigen Dimensionen der Jugoslawischen Geschichte richten; sowie Skulpturen, die mit Bildern des Hotels Marina Lučica ausgestattet sind; eine rekonstruierte Version der Leuchtreklame, die auf dem Portikus des Hotels installiert war, bevor es aufgegeben wurde; eine Klanginstallation, die die ehemalige Lobby der Institution durchquert; und ein überdimensionales Schachspiel, basierend auf dem „Dubrovnik“-Brett, das für die 9. Schacholympiade in Dubrovnik in Jugoslawien entworfen wurde ; Außerdem gibt es einen erweiterten Ausstellungsführer mit einem Text des kroatischen Schriftstellers Boris Dežulović sowie ausführliche Informationen zu dem Hotel und seiner Umgebung.

Am 6. August 2015 findet im Art Space Pythagorion um 20 Uhr eine Podiumsdiskussion statt, an der Carolyn Christov-Bakargiev (Curator, 14th Istanbul Biennial; Director of Castello di Rivoli Museum of Contemporary Art and GAM Torino), Andrea Lissoni (Senior Curator International Art (Film), Tate Modern, London), Susanne Pfeffer (Director Fridericianum, Kassel) , Paul Pieroni (Senior Curator at the Gallery of Modern Art, Glasgow) und Andreas Angelidakis (artist, curator, architect & teacher) teilnehmen. Themen wie die Neuordnung Europas, Flüchtlingsproblematik, Migrationsprozesse und die Bedeutung und Funktion der bildenden Kunst sollen in diesem Zusammenhang erörtert werden.

 

Die Künstlerische Leitung der Schwarz Foundation sowie die kuratorische Umsetzung im Art Space Pythagorion auf Samos verantwortet die Münchner Kunsthistorikerin Dr. Andrea Lukas. Nach langjähriger Geschäftsführung der Stiftung der Pinakothek der Moderne in München, arbeitet sie nun als freie Beraterin für Sammlungen und Stiftungen.

Der Art Space Pythagorion ist eine Initiative der in München ansässigen Schwarz Foundation.

Wir danken der Galerie Tanya Leighton, Berlin für ihre Unterstützung.