Samos YoungArtists Festival

Harun Farocki: Videoinstallationen

2012

Zwischen Auge und Hand

Videoinstallationen von Harun Farocki im ehemaligen Hotel Pythagoras auf Samos

Ausstellung 20. Juli bis 20. September 2012
Offizielle Eröffnung: 4. August 2012 um 20 Uhr, in Anwesenheit des Künstlers.

Eine Ausstellung im Rahmenprogramm des SAMOS YOUNG ARTISTS FESTIVAL
in Zusammenarbeit mit der GALERIE THADDAEUS ROPAC, Paris/Salzburg.

Gestiftet von den Initiatoren des Samos Young Artists Festival.

Kuratorin: Antje Ehmann
Organisatorische Beratung und Unterstützung: Alexandros J. Stanas

Zentrum der Ausstellung ist die vierteilige Serie Ernste Spiele (2009/10). Für diese Videoinstallation filmte Farocki in Amerikanischen Militärbasen, wie Soldaten mit Hilfe von Computerspielen ausgebildet werden.

Diese Animations-Programme werden eingesetzt, um Soldaten auf ihren Einsatz im Irak, in Afghanistan und anderen potentiellen Krisengebieten vorzubereiten. Part III der Serie, Immersion, zeigt, wie die fast gleichen Animationsbilder dazu genutzt werden, von Kriegseinsätzen zurückgekehrte, traumatisierte Soldaten zu therapieren. Farocki befragt den Status dieser computer-animierten Bilder.

Die Beziehung zwischen Technik und Krieg spielte bereits eine wesentliche Rolle in Farockis früherem Werk. In Auge/Maschine (2003) untersucht er die Entwicklungen der Kriegstechnik im Zusammenhang der Neuen Kriege. Er vergleicht Überwachungstechnologien, wie sie in Kriegen eingesetzt werden, mit dem Einsatz von Kameras im zivilen Leben. Kameraüberwachungen im öffentlichen Raum und in hochtechnisierten Industriebetrieben. Es zeigt sich, dass sowohl in den Kriegen wie in der Industrie das menschliche Auge zunehmend von computerisierten Perzeptionssystemen ersetzt wird.

In der Zweikanal-Installation Vergleich über ein Drittes (2007) macht die konkrete Dokumentation von Techniken zur Herstellung von Ziegelssteinen ein globales System von Kontinuität und Ungleichheit sichtbar, das die moderne Welt definiert. Nachdem Farocki viele Jahre ausschließlich mit Video gearbeitet hat, hatte er nun die Gelegenheit, wieder auf 16mm zu drehen, auf Baustellen in Indien, Afrika und Europa.

In der Ausstellung wird es auch Farockis ersten Film zu sehen geben, der ohne Kamera hergestellt wurde. In-Formation (2005) versammelt ausschließlich aus Schulbüchern, Periodika und Zeitungen gescannte Piktogramme. Anhand von Statistiken und Diagrammen rekonstruiert Farocki die Geschichte der Migration in der Bundesrepublik Deutschland. Was er sich hiermit vornimmt, ist eine konzeptuelle Kritik der Arten und Weisen, wie Migration veranschaulicht wird. Indem er bestimmte ikonische Darstellungen und Symbole auf ihren Urprung hin zurückverfolgt und sie auf Bedeutungen hin untersucht, die ihnen selbst nicht bewußt sind, wird Ideologie entdeckt, wo man sie nicht erwartet.

Text Antje Ehmann

 

Präsentierte Werke:

Transmission (Übertragung), 2007

Single channel video installation

1 track, col. sound, 43 min. (loop)

Die Videoarbeit beschäftigt sich mit ritualisierten Gesten: Sie dokumentiert Verhaltensformen und insbesondere Handbewegungen, mit denen Menschen Erinnerungsorten, Mahnmalen und einfachen Standbildern begegnen. Allen diesen Ritualen, ob sie beiläufigen, alltäglichen oder sakralen Charakter haben, ist gemein, dass sie Unberührbares zu berühren, Geistiges physisch anzueignen, Unbegreifliches greifbar zu machen suchen.

(Produktionsmitteilung)

In-Formation (Aufstellung), 2005

Videoinstallation

1 Spur, s/w & Farbe, stumm, 16 Min. (Loop)

Schaubilder, die den Warenkorb, die Rentenlücke, die Migration darzustellen helfen sollen, sind anachronistisch, sind ein Rückgriff auf die politischen Allegorien aus dem 19. Jahrhundert. Ob es sich um Piktogramme handelt oder bloß um Säulen- oder Torten-Diagramme, stets ist ein rührendes Unvermögen der Abstraktion bezeugt. Wir haben Figuren zur Illustration von Schaubildern aufgegriffen, aus Zeitungen, Schulbüchern, Behördenschriften und daraus die Geschichte der Migration in der Bundesrepublik Deutschland rekonstruiert. Wir wollen also eine Begriffskritik an den Repräsentationen der Migration üben, die ikonischen wie symbolischen Zeichen auf ihre Ursprünge zurückverfolgen und auf den Gehalt hin untersuchen, der ihnen selbst nicht bewusst ist.

(Harun Farocki)

Comparison via a Third (Vergleich über ein Drittes), 2007

Zwei-Kanal-Videoinstallation

1 Spur, Farbe, Ton, 24 Min. (Loop)

Vergleich über ein Drittes zeigt in einer Doppelprojektion Aufnahmen von Ziegelproduktionen und der Verarbeitung von gebrannten Steinen zu Bauwerken in Afrika, Indien und Europa. Im sachlichen Modus des Dokumentarfilms gedreht, kommt diese Arbeit ohne gesprochenen Kommentar aus und wirkt allein über die suggestive Atmosphäre des Gezeigten. Auch wenn im Vergleich zwischen kollektiver Produktion in Afrika und dem in Europa durch Maschinen bestimmten Herstellungsprozess emotional Unterschiede zu spüren sind, entzieht sich der Film doch einer eindeutigen Stellungnahme. Allerdings macht er allein durch das Aufzeigen archaisch wirkender Produktionsbedingungen bei indischen Hochhausbauten die Parallelität von verschiedenen Industrialisierungsstufen innerhalb einer Gesellschaft bewusst und verdeutlicht so die Fragwürdigkeit einer traditionellen Fortschrittsvorstellung.

(Ylmaz Dziewior)

Eye/Machine III (Auge/Maschine III), 2003

Zweikanal-Videoinstallation

1 Spur, Farbe, Ton, 23 Min. (Loop)

Der dritte Teil der Auge/Maschine-Zyklus soll die Materialien um den Begriff des operativen Bildes organisieren. Das sind Bilder, die einen Prozess nicht wiedergeben, die vielmehr Teil eines Prozesses sind. Schon die Cruise Missiles der 80er Jahre hatten das Bild einer realen Landschaft gespeichert und nahmen beim Überflug ein aktuelles Bild auf, die Software verglich die beiden Bilder. Ein Vergleich von Idee und Tatsächlichkeit, eine Gegenüberstellung von reinem Krieg und der Unreinheit des Realen. Diese Gegenüberstellung ist auch eine Montage, Montage ist immer auf Ähnlichkeit/Differenz aus. Viele operative Bilder sind von farbigen Hilfslinien durchzogen, die die Arbeit des Erkennens zur Darstellung bringen sollen. Die Linien teilen nachdrücklich mit, worauf es in den Bildern ankommt und ebenso nachdrücklich, worauf es auf keinen Fall ankommen soll. Das überschüssige Reale wird verleugnet - eine stetige Verleugnung mit Gegenwirkung.

(Harun Farocki)

Serious Games I: Watson is Down (Ernste Spiele I: Watson ist hin), 2010

Zwei-Kanal-Videoinstallation

1 Spur, Farbe, Ton, 8 Min. (Loop)

Im Herbst 2009 filmten wir auf dem Stützpunkt der Marine in 29 Palms, Kalifornien, eine Übung. Vier Marines, die in einem Klassenraum saßen, stellten die Besatzung eines Panzerfahrzeugs dar. Sie hatten Laptops vor sich, auf denen sie das eigene Fahrzeug und andere des Verbandes durch eine Computer-Animationslandschaft lenkten und fahren sahen. Das simulierte Afghanische Gelände geht auf die geografischen Daten Afghanistans zurück. Eine Straße in der Computer-Landschaft verläuft so, wie sie auch im wirklichen Afghanistan verläuft; das gleiche gilt für jeden Baum, den Bewuchs des Bodens oder die Höhenzüge. Der Ausbilder platziert Sprengsätze und setzt im Gelände insurgents, Aufständische, aus. Ein Heckenschütze erschoss den Bordschützen des Panzerfahrzeugs, das wir mit der Kamera dokumentierten. Wenn ein Panzerfahrzeug über das Brachland fährt, wirbelt es einen Staubschweif auf. Je mehr Bewuchs es gibt, desto weniger Staub. Auf der Asphaltstraße gar kein Staub. Bei all dieser Treue im Detail ist der Tod im Computerspiel etwas anderes als der reale.

(Harun Farocki)

Serious Games II: Three Dead, (Ernste Spiele II: Drei tot), 2010

Videoinstallation

1 Spur, Farbe, Ton, 8 Min. (Loop)

Ebenfalls in Twentynine Palms nahmen wir eine Übung mit um die 300 Statisten auf, die die Afghanische und Irakische Bevölkerung zugleich repräsentierten. Ein paar Dutzend Marines standen Wache und gingen auf Patrouille. Die Manöverstadt lag auf einer leichten Anhöhe in der Wüste und ihre Bauwerke wurden aus Containern zusammengesetzt. Das sah aus, als habe man die Wirklichkeit einer Computer-Animation nachgebildet.

(Harun Farocki)

Serious Games III: Immersion (Ernste Spiele III: Immersion), 2009

Zwei-Kanal-Videoinstallation

1 Spur, Farbe, Ton, 20 Min. (Loop)

Im Januar 2009 drehten wir zwei Tage lang in Fort Lewis, in der Nähe von Seattle, im Bundesstaat Washington. Wir filmten einen Workshop in dem Zivil-Therapeuten Armee-Therapeuten vermittelten, wie man mit Virtual Iraq arbeitet. Es geht um die Behandlung von Soldaten und ehemalige Soldaten, die im Krieg traumatisiert wurden. Die Immersions-Therapie lässt den traumatisierten Patienten das Schlüsselerlebnis wiederholen, nacherzählen und nacherleben. Virtual Iraq , kurz VI, ist ein Computer-Animations-Programm, mit dem die Immersion – das Eintauchen in das Angst machende Erlebnis – erleichtert oder verstärkt werden soll. Die Einübung in das Verfahren wurde großenteils im Rollenspiel vermittelt. Dabei sitzt der Therapeut am Computer, eine Freisprechanlage auf dem Kopf. Der Patient sitzt oder steht daneben und trägt eine Datenbrille. Auf ihr wird das Programm von VI abgespielt. Es gibt zwei Schauplätze, einmal eine Straße durch die Wüste, die in einem gepanzerten Fahrzeug befahren wird, einmal eine orientalische Stadt mit Markt, Moschee, weiten Plätzen und engen Gassen; auch mit Häusern, durch die man navigieren kann. Die Navigation übernimmt der Patient, der Therapeut wählt Zwischenfälle an. Er kann den Patienten in einen virtuellen Hinterhalt führen oder zum Zeugen eines schrecklichen Attentats werden lassen. Dazu sind allerlei Geräusche anwählbar, Hubschrauber, Muezzine, Explosionen aller Art.

(Harun Farocki)

Serious Games IV: A Sun with no Shadow (Ernste Spiele IV: Eine Sonne ohne Schatten), 2010

Zwei-Kanal-Videoinstallation

1 Spur, Farbe, Ton, 8 Min. (Loop)

Dieses Kapitel bedenkt, dass die Bilder, mit denen auf den Krieg vorbereitet werden, so sehr denen ähneln, mit denen der Krieg nachbereitet wird. Es gibt allerdings einen Unterschied: das Programm zur Erinnerung traumatischer Erlebnisse ist etwas billiger. Nichts und niemand wirft hier einen Schatten.

(Harun Farocki)

 

Alle Arbeiten sind courtesy Galerie Thaddaeus Ropac, Paris / Salzburg.