Samos YoungArtists Festival

Summer of Love

on the unlikely liaison between love and politics

4. August - 15. Oktober

Eröffnung: 3. August 2017

MIT MELANIE BONAJO, JOHAN GRIMONPREZ, INTERNATIONAL INSTITUTE OF SOCIAL HISTORY, TOMOMI ITAKURA, MARKO MÄETAMM, MIKHAIL KARIKIS, NICOLAS KOZAKIS & RAOUL VANEIGEM, URIEL ORLOW, MARGE MONKOkuratiert von KATERINA GREGOSDie Schwarz Foundation freut sich, ihre Ausstellung für den Sommer 2017 anzukündigen, betitelt Summer of Love und kuratiert von Katerina Gregos. Der Name der Ausstellung stammt von dem soziokulturellen Phänomen, das vor fünfzig Jahren im Sommer 1967 stattfand.1 Obwohl das Jahr 1968 in Europa dank der Studentenproteste in Paris und des Prager Frühlings einen größeren legendären Status genießt, war das Jahr 1967 in Bezug auf geopolitische, kulturelle und intellektuelle Entwicklungen in vielerlei Hinsicht wegweisender. Es war das Jahr des Sechs-Tage-Krieges, der die politische Landkarte des Nahen Ostens unwiderruflich veränderte; die Auswirkungen dieses Geschehens sind noch immer spürbar. In Griechenland war es das Jahr, das den Beginn der sieben Jahre dauernden Militärdiktatur markierte. Ironischerweise was es auch das Jahr, in dem Großbritannien sich für die EEC-Mitgliedschaft bewarb. In den USA fanden 1967 auch die ersten großen Demonstrationen junger Menschen gegen den Vietnamkrieg statt. Zugleich war der Ausbruch neuer populärer und subkultureller Musik eines der bestimmenden Merkmale des „Summer of Love“.2

Es war auch ein Jahr bedeutender intellektueller Produktion. Der kritische Theoretiker Guy Debord veröffentlichte Die Gesellschaft des Spektakels, während Raoul Vaneigem, belgischer Philosoph und wichtiges Mitglied der Situationistischen Internationale Die Revolution des alltäglichen Lebens herausbrachte. Während Debords Gesellschaft des Spektakels sich damit beschäftigte, wie die Mechanismen von Kapital und Konsum zu Entfremdung führen, postulierte Vaneigem in seinem Buch die Möglichkeit revolutionärer Veränderungen im alltäglichen Leben. Er malte sich eine neue Gesellschaft aus, die „die Teilhabe aller an der Selbstverwirklichung aller anderen begünstigt“, basierend auf „Kreativität, Liebe und Spiel“.3 Im heutigen regressiven Klima der Angst und Xenophobie scheint Vaneigems These relevanter denn je.

Summer of Love möchte sich über dieses geschichtsträchtige Jahr anlässlich seines fünfzigsten Jubiläums Gedanken machen, und dabei die Aufmerksamkeit auf eine Ära lenken, als die Konzepte der Politik und der Liebe eine echte Dringlichkeit besaßen. Der „Summer of Love“ war eine von vielen Äußerungen der Gegenkultur der 1960er und frühen 70er Jahre. Es war eine Zeit des zivilen Ungehorsams, des Antiautoritarismus, des politischen Protests und des „Flower Power“. Politischer Aktivismus wurde in soziokulturellen Aktivismus und alternative Lebensstile (sexuelle Freiheit, Kommunen, geteilter Besitz) übersetzt. Die meisten jungen Menschen dieser Zeit wuchsen in bescheidenen Nachkriegsverhältnissen auf und scherten sich nicht allzu sehr um Geld, Besitz oder finanziellen Erfolg. Junge Menschen waren politisiert. Es bestand Hoffnung auf eine neue und andere Welt, voller Liebe und gegenseitigem Verständnis, was im Rückblick idealistisch und naiv erscheinen mag. Doch vielleicht sind Lehren daraus zu ziehen, wenn wir über diese Periode nachdenken und sie mit der stramm individualistischen, von mörderischem Wettbewerb geprägten Gegenwart vergleichen. Es ist kein Zufall, dass die meisten Menschen, die sich an diese Ära erinnern, häufig den naiven Idealismus von damals dem herzlosen Zynismus von heute vorziehen.

Die Ausstellung Summer of Love wird über die unwahrscheinliche Liaison zwischen Liebe und Politik reflektieren, und den Sommer von 1967 mit der Welt von 2017 verbinden, wo die Idee der Liebe – zumindest in intellektuellen, aber auch politischen Kreisen – als naiv und sentimental abgetan wird. Warum, ist ein Rätsel, denn Liebe stellt eine der wirksamsten – und komplexesten – Kräfte des menschlichen Lebens dar. Die vielleicht interessantesten Ideen jüngster Zeit, die für ein anderes Verständnis von Liebe plädieren, stammen von dem Literaturtheoretiker und politischen Philosophen Michael Hardt (geb. 1960), der für eine politische Vorstellung von Liebe eintritt.4 Hardt argumentiert, dass Liebe über die Grenzen des Paares (und die psychoanalytischen Grenzen der Paarung) ausgedehnt werden muss, als eine Kraft, die auch zu der Konstitution der Gemeinschaft beiträgt. Er schreibt der Liebe die „kollektive Transformation“ zu, die man bei bestimmten Arten der politischen Aktion erfährt. Hardt vertritt eine Form der Liebe, die nicht einer Liebe entstammt, welche auf der Identifikation mit jemandem oder etwas basiert, das genauso ist wie du/wir, sondern eine Liebe, die „durch das Spiel der Unterschiede funktioniert, anstatt durch das Insistieren auf dasselbe“. Die Vorstellung von Liebe als „Verschmelzung zu Einem“ kritisierend, befürwortet Hardt stattdessen die Liebe „als eine Proliferation von Unterschieden, nicht als Zerstörung von Unterschieden. Nicht die Verschmelzung zu einer Einheit, sondern ein Konstruieren von Konstellationen innerhalb von Unterschieden, zwischen sozialen Unterschieden“.5 Gemeinsam mit Antonio Negri schrieb er in dem einflussreichen Buch Multitude: Krieg und Demokratie im Empire: „Menschen heutzutage scheinen unfähig, die Liebe als ein politisches Konzept zu verstehen, aber ein Konzept der Liebe ist genau das, was wir brauchen, um die konstitutive Macht der multitude zu begreifen. Das moderne Konzept der Liebe ist beinahe ausschließlich auf das bourgeoise Paar und die klaustrophoben Einengungen der Kernfamilie limitiert. Liebe ist zu einer rein privaten Affäre geworden. Wir brauchen eine großzügigere und unbeschränktere Auffassung von Liebe“.6 Diesem Gedankengang folgend könnte man argumentieren, dass die politische Praxis von heute viel Liebe vermissen lässt. Politik manifestiert sich nunmehr als technokratische, administrative Bürokratie, die die neoliberale Agenda fördert. Man könnte Politik anders auffassen, wenn man die Liebe als ein großzügigeres und positiveres politisches Konzept begreifen würde, wie Hardt es tut.

Die Ausstellung Summer of Love wird diese Ideen aufgreifen und daraus ein Netz aus kulturellen und historischen Referenzpunkten weben, um die Ideen von vor fünfzig Jahren mit der gegenwärtigen europäischen Krise zu verknüpfen, und uns womöglich dazu zu inspirieren, uns einen Ausweg aus der jetzigen politischen Sackgasse vorzustellen. Jetzt ist ein günstiger Zeitpunkt dafür. Fünfzig Jahre sind vergangen; die „Babyboomer“ der Nachkriegszeit werden älter und sterben, und ihre jugendlichen Ideale sind weitgehend ausgestorben. Wir sollten uns fragen: was ist schiefgelaufen, wann und warum? Welche Lektionen können wir daraus lernen? Sollten wir diese Ideale überdenken? Können wir aus den Erfahrungen und Enttäuschungen der 67er-Generation lernen? In einer Welt, die sich rasch zurück zu entwickeln scheint, ist es Zeit für „checks and balances“, um aus der Geschichte zu lernen und dieselben Fehler zu vermeiden.

Teil der Ausstellung wird die internationale Prämiere einer Tetralogie von Videos des griechischen Künstlers Nicolas Kozakis und des Philosophen Raoul Vaneigem sein, die den Blick auf Griechenland richten, um zeitgenössische westliche Werte zu überprüfen. Vaneigems transformative Ideen von 1967 finden im gegenwärtigen politischen Klima ihren Widerhall, während Kozakis’ Bilder uns zur Erwägung eines alternativen Lebensstils auffordern, inspiriert von einer bestimmten „Praxis des täglichen Lebens“ in Griechenland. Diese kann uns womöglich immer noch etwas lehren, vor allem im Hinblick auf unsere zusehends frenetischen modi operandi. Darüber hinaus wird die Ausstellung das Video Everyday Words Disappear (2016) des preisgekrönten Filmemachers Johan Grimponprez zeigen, das ein Interview mit Michael Hardt mit gefundenem Filmmaterial aus Jean-Luc Godards Alphaville (1965) kombiniert, worin ein Computersystem die Kontrolle über eine Stadt übernommen und Konzepte wie Liebe, Poesie und Emotionen daraus verbannt hat. Zusätzlich werden unter anderen die Künstler Mikhail Karikis, Mäetamm, Marge Monko und Uriel Orlow neue Werke schaffen, die sich mit dem 50-Jahrjubiläum von 1967 beschäftigen, sowie mit den Begriffen von Liebe und Politik in einem Teil der Welt (Griechenland, Südost-Europa und der Nahe Osten), der ökonomische, soziale und humanitäre Krisen erlebt, und in dem ein politischer Liebes-Begriff dringend vonnöten ist. Zu guter Letzt ist eine griechische Insel7 im Sommer – in diesem Falle Samos – ein idealer Ort, um sich über diese beiden Themen auszutauschen. Vor dem Hintergrund einer ökonomischen Kernschmelze und einer fortdauernden Krise scheinen es die festen sozialen Beziehungen zu sein, die eine Gesellschaft, welche sich noch nicht gänzlich aufgelöst hat, zusammenhalten.

 

Anmerkungen

1. Während des „Summer of Love“ strömten 100.000 Hippies und junge Menschen in den Straßen von San Francisco zusammen, im Stadtteil Haight-Ashbury. Was sie vereinte war eine Reihe von antiautoritären Werten: sie misstrauten der Regierung, verweigerten den Konsumerismus und lehnten den Vietnamkrieg ab. Manche interessierten sich für Politik, andere für Kunst und alternative Lebensstile. Der „Summer of Love“ erzeugte eine Welle der Befreiungen und Erweckungen, die den „way of life“ veränderten.

2. Musikalisch war 1967 ein sehr fruchtbares Jahr, veröffentlicht wurden unter anderem das bahnbrechende erste Album von The Velvet Underground, The Velvet Underground & Nico, das Debütalbum der Jimi Hendrix Experience, Are You Experienced, während die Beatles Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band veröffentlichten, das sich den ganzen Sommer auf Platz eins der Albumcharts befand.

3. Raoul Vaneigem, zitiert aus The Revolution of Everyday Life; Kapitel 23, „The Unitary Triad: Self-Realisation, Communication and Participation“ http://library.nothingness.org/articles/SI/en/display_printable/212

4. Leonard Schwartz, „A Conversation with Michael Hardt on the Politics of Love“, Interval(le)s II.2-III.1 (Fall 2008/Winter 2009).

5. Ebd.

6. Michael Hardt & Antonio Negri, Multitude: War and Democracy in the Age of Empire, Penguin Books, New York/London, 2004. S. 351. 7. Übrigens waren Griechenland und die griechischen Inseln in den 1960ern ein bevorzugter europäischer Urlaubsort der Hippies. Auch heute noch kann man auf der Insel Samos die Hippy’s beach bar, restaurant and café am Strand von Potami besuchen, wo Einheimische und Camper seit den 1960ern die griechische Lebensart genießen.