Samos YoungArtists Festival

A World Not Ours

SUMMER EXHIBTION

GRAND OPENING
August, 4th

Exhibition
from August, 5th until
October, 10th

 

 

Yannis Behrakis, Tania Boukal, Róza El-Hassan, Ninar Esber, Mahdi Fleifel, Marina Gioti, Sallie Latch a.o.

Curated by Katerina Gregos

Art Space Pythagorion Samos freut sich die Sommer-Ausstellung A World Not Ours anzukündigen. Die Ausstellung entleiht ihren Titel dem gleichnamigen Film, vom Regisseur Mahdi Fleifel (2012) produziert . Dieser hat wiederum den Titel einem Buch des palestinensischen Autors Ghassan Kanafani (1936-72) entnommen.

 

Im Film wird ein Portrait über drei Generationen  im Flüchtlingslager Ein el-Helweh, im Süden des Libanon im Exil gezeichnet. Während das Buch Diaspora die Suche nach Identität beschreibt.

 

Die Ausstellung findet nun an einen Ort statt, der 2015 zum Mittelpunkt der beginnenden Flüchtlingskrise wurde. Größten Teils hervorgerufen durch den Bürgerkrieg in Syrien. Samos ist eine der Griechischen Inseln (zusammen mit Lesbos und Kos), die in direkter Nähe zur Türkischen Küste liegen. Hier spielte sich eine humanitäre Tragödie an den Küsten der Region ab.

 

Es liegt auf der Hand, daß eine Kunstausstellung in dieser Region diese menschliche Katastrophe mit einbezieht. Sie ist unübersehbar auf der Insel und stellt Europa vor eine Thematik, die bisher nicht bewältigt ist.

 

Den Mittelpunkt der  Ausstellung bilden die Flüchtlingskrise und die unfreiwillige Migration.  Eine Gruppe von Künstlern, Fotografen und Aktivisten präsentieren Reaktionen, Reflektionen und Einblicke in dieses Thema: Unterschiedliche Darstellungsformen wie Installationen, Performance, Fotografie, Film, Video und Foto- Journalismus. Dabei gehen die Darsteller   über eine einseitige und standardisierte Medien-Repräsentation  der Krise hinaus und machen die komplexen Zusammenhänge eines der größten Probleme unserer Zeit transparent.

 

Konzentrierte Ansätze, die von  Aktionismus und direkter teilnahme bis zu Poesie und Metaphorik reichen, stellen eine gezielte Betrachtung der forcierten Migration dar. Die Erfahrung der Heimatlosigkeit, der ständigen Unsicherheit und des existentiellen Schwebezustandes sind Bestandteil dieser Entwurzelung.

 

Die ausgestellten Arbeiten sind das Ergebnis einer tief gehenden und langen  Auseinandersetzung basierend auf der  Arbeit vor Ort und Erfahrungen aus erster Hand. Sie vermitteln echtes Einfühlungsvermögen und ernsthafte Motivation, ganz im Gegensatz zu dem was Tirhad Zalghadr „Poornography“ genannt hat:  Bilder die Armut und Unsicherheit zeigen werden benutzt, um spektakuläre Inhalte in Medien und Kunst zu transportieren. In der Zeitgenössischen Kunst hat die Flüchtlingskrise unglücklicherweise Opportunismus erzeugt. Oft  wird hier Betroffenheit vermittelt, indem man oberflächliche Einzeiler  und Publicity für sich selbst produziert.

 

Diese Ausstellung präsentiert jedoch Künstler, die sich für eine nuancierte  Art des Arbeitens entschieden haben mit Inhalten die oft unbemerkt bleiben. Sie arbeiten mit Diskretion, Nachdenklichkeit und Wohlwollen. Viele der Aussteller kommen aus dem Mittleren Osten oder Süd-Ost Europa, aus Ländern die selbst Krieg, Trauma, Exodus und Labilität erfahren haben.

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Das kontroverse Abkommen zwischen der Europäischen Union und der Türkei wurde im März diesen Jahres ausgehandelt (für jeden Syrer der in die Türkei zurückkehrt, soll die EU eine Flüchtling aus der Türkei einreisen lassen) hat die Zahl der Flüchtlinge zurückgehen lassen. Es bedeutet jedoch nicht, daß die Krise gelöst ist. Es mögen weniger Boote an den Küsten der Griechischen Inseln landen, aber solange der Krieg weiter geht, werden Menschen ihr Leben riskieren, um Gefahrenzonen zu verlassen und ein besseres Leben und eine sichere Zukunft für ihre Familien. zu suchen. Die Flüchtlingskrise ist zum fundamentalen politischen und existentiellen Problem Europas geworden.. Diese Krise stellt die Haltung Europas im Bezug auf Menschenrechte, Vorstellungen von Toleranz und friedlichem  Zusammenleben auf den Prüfstand.

 

Nun hat die  Krise  wieder ein Ansteigen der nationalistischen  Rhetorik, Vorurteile, wachsende  Xenophobie  und Rassismus nach Europa gebracht. Die Flüchtlings-frage mag höchst politisch sein, aber zuerst und insbesondere ist sie eine Frage der Menschlichkeit. Bis jetzt war die Politik der Europäischen Gemeinschaft weitgehend flüchtlingsfeindlich, da viele Länder nicht bereit sind ihre Türen zu öffnen und die Migranten als Bedrohung empfinden. Zu Jahresanfang weigerten sich 19 Europäische Länder generell Asylsuchende aus Griechenland aufzunehmen. Sie verstärkten damit die Ansicht, daß die „Festung Europa“  geschlossen ist, wie schon immer. In dieser Hinsicht gibt es nicht nur eine Flüchtlingskrise, sondern auch eine Krise des Migrations-Managements der Europäischen Gemeinschaft.

 

Bis Januar 2016 hat die Europäische Gemeinschaft gerade einmal 0,17% der insgesamt 160.000 Flüchtlinge integriert. Um eine weitere Perspektive aufzuzeigen:  Der Gesamtprozentsatz der Asylbewerber 2014 in der Europäischen Gemeinschaft beträgt  0,03% gemessen an der Gesamtbevölkerung. Insgesamt ein winziger Anteil.

 

Insbesondere die Kinder, die ein Drittel der Ankommenden ausmachen, waren  betroffen. Denn obwohl alle der Europäischen Länder, die von den Flüchtlingen durchwandert wurden, die Konvention der Vereinten Nationen für die Rechte des Kindes unterschrieben, haben die meisten die Augen vor dieser Situation verschlossen.

 

Milliarden von Euro wurden ausgegeben um Migranten in ihre Herkunftsländer zurück zu schicken nahe an Konfliktzonen wie Türkei und Libanon. Sie sollen aus Europa heraus gehalten werden.

 

Es stellt sich die grundsätzliche Frage, ob das Geld nicht besser für eine Integration in die Europäische Gesellschaft ausgegeben worden wäre, um beispielsweise Möglichkeiten für Arbeit und Ausbildung zu schaffen. Die Tatsache, daß Immigration einen positiven Effekt auf die Wirtschaft der Länder hatte, die Migranten aufgenommen haben, wird praktisch übersehen.

 

Es gibt keinen Zweifel daran, daß die Kulturgeschichte Europas (in der Tat der Welt) durch Zuwanderer bereichert wurde. Wanderbewegungen sind keine losgelösten Prozesse, sie sind das Ergebnis weitreichender Dynamik.

 

Laut den von den Vereinten Nationen herausgegebenen Zahlen  fliehen 62 Prozent derer, die nach Europa kommen, vor Krieg, Diktatur und religiösem Extremismus.   Der Konflikt in Syrien ist der Hauptgrund für  die gegenwärtige Migration aber es gibt auch andere wichtige Faktoren, wie die andauernde Gewalt in Afghanistan und Iraq, Menschenrechtsverletzungen in Eritrea, den Bürgerkrieg in Libyen,  aber auch die extreme Armut des Globalen Südens.

 

Die Zahl der Asylsuchenden in Europa  ist in den vergangenen Jahren dramatisch angestiegen und wird weiterhin wachsen. Migration ausgelöst durch den Klimawandel wird eine der zukünftigen Herausforderungen des Planeten sein, der wir uns stellen müssen.

 

Abgesehen von wachsendem Fremdenhaß und Rassismus, hat sich auch Gedächtnisschwund breit gemacht. Die Europäer scheinen die Flüchtlingskrise vergessen zu haben die sich auf dem Kontinent in Folge des 2. Weltkriegs ereignete.

Wir Europäer, unsere Eltern und Großeltern, befanden sich in derselben Situation wie die Syrer heute.

 

Obgleich Europa  von den Auswirkungen der momentanen Finanzkrise nicht verschont geblieben ist, besonders im Süden, sollten die Europäer nicht vergessen, daß sie immer noch relativ wohlhabend sind.

 

Wir sollten uns auch daran erinnern, daß sich die Flüchtlingskrise nicht in einem Vakuum ereignete, sondern das Resultat von geopolitischen Machtspielen ist , an denen Europa und der Westen nicht unschuldig sind.

Slavoj Zizek wies darauf hin: „ während große Zuwanderungs-Ströme eine Konstante der Weltgeschichte sind, sind die Hauptursachen dafür in der Modernen Geschichte die kolonialen Expansionen. Das wohlhabende Europa hat sein Fundament hauptsächlich in der imperialen Vergangenheit und dies ist einer der Gründe warum wir hier die Augen nicht verschließen können. Wie Jürgen Habermas in seinem Buch „ Zur Verfassung Europas“ bemerkt: „ Der schmerzhafte Übergang in post-koloniale Einwanderungsgesellschaften“ innerhalb Europas fällt zusammen „mit dem beschämenden Zustand wachsender sozialer Ungleichheit“,  die das Ergebnis von Globalisierung, neoliberalen Wirtschaftssystemen und von  instabilen Arbeitsbedingungen ist.

 

Alle Europäischen Länder in denen Flüchtlinge Asyl suchen, müssen sich mit diesem Thema beschäftigen. Insbesondere Griechenland, ein mehr oder minder  zahlungsunfähiges Land, das selbst durch eine noch nie da gewesene humanitäre Krise geht, steht an vorderster Front in der Flüchtlingskrise und ist zum Brennpunkt der gegensätzlichen Meinungen zu diesem Thema geworden.

 

Während  die Internationale Gemeinschaft Forderungen an Griechenland stellt den Zustrom der Flüchtlinge aus der Türkei zu stoppen, ohne selbst jedoch Maßnahmen

gegen Schleußer zu  ergreifen, versuchen viele Griechen, die auf den Inseln  wohnen, die Notlage der Flüchtlinge abzubauen indem sie Essen, Medikamente und

Rechtsbeistand anbieten. Andere sehen die Flüchtlinge jedoch als Bedrohung für den Tourismus und manche ziehen aus dieser Situation sogar ihren persönlichen Profit. Dies ist ein schlechtes Beispiel für das Leid indem sich Griechenland befindet, wo der Nächste von vorneherein zum Sündenbock wird.

 

Da die Flüchtlingskrise sich nicht von selbst auflöst, ist es unabdingbar, daß sich zu diesem Thema ein höherer Bewußtseinsstand bezüglich der Art, der Vielschichtigkeit und dem Ausmaß  dieses Themas entwickelt. Warum fragt man sich, sollte eine Ausstellung eine so  ungelöste und problematische Frage zum Thema haben. Eine Angelegenheit, die höchst sensibel und schwer darzustellen ist.  Die Antwort ist klar:

Künstler und Kulturschaffende haben einen anderen Blickwinkel, aus dem heraus sie sozio- und geopolitisches Desaster betrachten. Politische Entscheidungsträger generell versuchen Probleme mit praktischen Maßstäben zu bewältigen und sie als kontrollierbare, verifizierbare  Fakten zu bewerten. Die Medien behandeln Katastrophen überwiegend als konsumierbare, spektakuläre Ereignisse, die früher oder später  zu Schnee von gestern werden. Die breite Öffentlichkeit, meist unter dem Einfluß populistischer Parteien und dem Sensationsjournalismus, erlebt humanitäre Desaster als eine persönliche Bedrohung ihres Lebensstiles und ihrer Jobs.

 

Künstler auf der anderen Seite, können die Vielschichtigkeit dieser Fragen hervorheben, indem sie all die unterschiedlichen Positionen, die damit in Zusammenhang stehen, herausarbeiten. Diese unterschiedlichen Annäherungsversuche laden uns ein, Probleme von verschiedenen und ungewöhnlichen Blickwinkeln aus zu betrachten. Sie enthüllen eine Vielfalt von  ungeahnten oder nichtverstandenen Aspekten wichtiger Phänomene. Künstler stellen nicht nur Not dar, sie weisen auch auf die unzähligen Subjektivitäten hin, die im Mainstream des Erzählens verlorengehen.

 

Viele Kunst-Schaffende nehmen tunlichst Abstand von polarisierenden Vorstellungen von „denen“ und „uns“. Sie schaffen ein Bewußtsein für unsere eigenen  Abneigungen, Vorurteile und vorgefertigten Meinungen. Sie wollen uns „offener“, weniger verschlossen und zurückgezogen machen. Oft  vermitteln sie eine weitere Perspektive und größere Kritikfähigkeit und beleuchten Themen der Zeit unter anderem, mehr reflektiertem und schattiertem Licht. Sie werfen Licht auf nicht erzählte Geschichten  und enthüllen verborgene Erfahrungen, Subjektivitäten und Erzählungen. Auf den Punkt gebracht - dies ist das Ziel der Ausstellung!

 

Wir wünschen uns, daß durch die künstlerische Arbeit das öffentliche Bewußtsein über verschiedene und weniger bekannte Aspekte dieses humanitären Desasters - dem schlimmsten seit dem zweiten Weltkrieg- anwächst, besonders in Griechenland wo es bis heute statt findet.

 

Was wir unbedingt brauchen ist Empathie  und die Fähigkeit über die Frage nach zu denken „Was wäre, wenn es mich treffen würde“ „wie würde ich dann reagieren“.

 

Die Ausstellung wird diesen Standpunkt hoffentlich befördern. Weil die Migration eines der dringlichsten Themen unserer Zeit bleiben wird, da immer mehr Menschen aus politischen, ökonomischen und ökologischen Gründen zu Flucht und Nomadentum gezwungen sind. Wir müssen uns wieder darauf besinnen was es bedeutet diesen runden, immer komplexer strukturierten Planeten zusammen zu bewohnen. Gastfreundschaft und Großzügigkeit sind die Ausgangsbasis dafür. Dies ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Die Lösung kann nicht eine polarisierende Politik der  Ausgrenzung sein!